von Kirill Jeskow
„Das Böse ist besiegt. Die Welt ist wieder aufgebaut. Was damals geschehen ist, weiß man nur noch aus Büchern. Doch wer hat die Geschichte der Vorfälle in der Vorzeit geschrieben? Der letzte Ringträger gibt die Antwort: Es waren die Sieger. Sieger schreiben Geschichten, die ihnen in die Karten spielen. Und die spannendste Geschichte wird geschrieben, wenn man die Regeln des Kartenspiels ändert.“
„Der letzte Ringträger“ ist für mich anders. Anders als die Fantasyepen, die ich bisher gelesen habe. Wobei ich auch zugeben muss, dass ich die Werke, die als klassischer Fantasy-Epos gelten, bisher nicht gelesen habe. Und doch hatte ich das Gefühl, einige Ähnlichkeiten feststellen zu können. Den Inhalt des Buches zusammenzufassen fällt unheimlich schwer, da die Geschichte komplex ist, aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird und eine ganze Weile war mir nicht klar, worum es genau geht.
Ich habe die verschiedenen Charaktere auf ihren ganz persönlichen Abenteuern begleitet. Mal hatte ich den Eindruck, mit den Helden mitzufiebern, mal den Eindruck, die Bösewichte zu begleiten und hinter deren Fassade schauen zu können. Die Konstellation der Charaktere wurde für mich erst nach und nach sichtbar, wobei bis zum Ende einige Unklarheiten bestehen geblieben sind. Das mag aber möglicherweise auch daran liegen, dass das Buch für mich etwas ganz anderes war. Selbst hätte ich es mir vermutlich nur gekauft, wenn einige Stimmen, deren Meinung ich sehr zähle, mir dieses Buch empfohlen hätten. Umso dankbarer bin ich, es als Rezensionsexemplar erhalten zu haben, wodurch ich in diese faszinierende Geschichte abtauchen konnte.
Auch wenn ich bis zum Ende nicht alles zu einhundert Prozent verstanden habe, so hat mich das Buch dennoch abgeholt. Denn für mich stand die Begleitung der Charaktere auf ihrem persönlichen Abenteuer im Vordergrund. Zudem hat sich mir eine interessante Welt entfaltet. Diese mutete einerseits an typische Fantasywelten mit verschiedenen Völkern an, beinhaltete jedoch auch modernste Technik bzw. Technologien und auch der Wortgebrauch beinhaltete moderne Begriffe, was ich bei einem komplexen Fantasywerk so nicht erwartet habe. Diese Mischung im Worldbuilding hat dem Buch etwas ganz Eigenes und Faszinierendes verliehen, sodass ich die Geschichte mit Neugier verfolgt habe.
An dieser Stelle muss ich auch erwähnen, dass es drei Anläufe gebraucht hat, das Buch anzufangen und bis zum Ende durchzulesen. Der Einstieg fiel mir wirklich nicht leicht, sodass ich das Lesen des Buches auf eine Phase schieben wollte, in der ich mich mit entsprechender Zeit, Ruhe und Aufmerksamkeit dem Buch widmen konnte. Deshalb kommt die Rezension auch erst jetzt. Wobei ich glaube, dass eine verspätete ehrliche Rezension wertvoller ist, als eine, die nur geschrieben wurde, um das Buch auf der Liste abzuhaken.
Meine Schwierigkeit mit dem Einstieg lässt sich zum Teil auch auf den Schreibstil zurückführen. Das Buch ist so geschrieben, als würde eine Lehrperson einige Jahre nach den Ereignissen, das Geschehen rückblickend erzählen. Dadurch habe ich eine gewisse Distanz zu den Charakteren verspürt, die mir den emotionalen Zugang erschwert hat. Als ich mich schließlich an die Erzählweise gewöhnt hatte, fiel mir auch der emotionale Zugang leichter. Dennoch: im gesamten Verlauf habe ich keine tiefe Verbindung aufbauen können. Ich war jedoch insofern emotional eingebunden, als dass ich wissen wollte, was die Geschichte ausmacht, wie sie weitergeht und welche Entwicklungen mich erwarten. Rückblickend fand ich den Schreibstil sehr passend, durch das Ende bekommt dieser eine ganz andere Bedeutung. Anmerken möchte ich noch, dass ich einige Sätze mehrmals gelesen habe, meist jedoch dann, wenn meine Umgebung zu sehr Einfluss auf meine Konzentration und Aufmerksamkeit genommen hat. Die meiste Zeit bin ich flüssig vorangekommen. Außerdem gab es ein paar Sätze und Abschnitte, die ich mir mit einem Post-It markiert habe, weil ich die Botschaft dahinter spannend fand. In der Innenklappe wird darauf hingewiesen, dass der Autor mit typischen Tropes des Genre arbeitet. Und ich finde diese Arbeit lässt sich am besten mit kritisch-philosophischem Hinterfragen beschreiben. Etwas, das ich sehr gerne habe.
Insgesamt kann ich festhalten, dass ich zwar kein vollkommenes Verständnis der Geschichte entwickelt habe, da für mich persönlich noch ein paar Fragen offen sind. Doch dies finde ich nicht weiter schlimm, denn ich habe den Eindruck, dass genau das die Geschichte ausmacht. Ich hatte spannende, faszinierende, nachdenklich machende und interessante Lesestunden und bin sehr dankbar dafür, dass ich dieses Buch lesen durfte. Ein Highlight ist es nicht geworden, dafür fehlte mir die emotionale Nähe zu den Charakteren und mehr Verständnis für das, was insgesamt im Buch passiert ist. Dafür werde ich sicherlich noch eine Weile über das Buch nachdenken und es möglicherweise auch ein weiteres Mal lesen. Ich glaube, dass „Der letzte Ringträger“ insbesondere Fans von komplexer Fantasy gefallen könnte, die gerne beim Lesen über Aspekte kritisch und philosophisch nachdenken. Aber auch denjenigen Leser*innen, die die bekannten Fantasy-Epen gelesen haben und nach einem etwas anderen Buch in dieser Art suchen. Einen Blick ist es auf jeden Fall wert. Ich vergebe 4 von 5 Sterne.
„Der letzte Ringträger“ von Kirill Jeskow erschien 2024 auf Deutsch von Max Schatz übersetzt im Radiator Verlag. Das Buch hat etwas mehr als 500 Seiten, kostet 29,90€ [D] und du kannst es unter der ISBN 978-3-911265-10-2 finden.
Vielen Dank an den Radiator Verlag für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung wurde dadurch nicht beeinflusst.