von Tana French
„Verdrängen ist Silber, Vertrauen der Tod
Wer bringt ein kleines Mädchen um und bahrt es auf dem Opferalter einer Ausgrabungsstätte auf? Jede Spur, die die beiden jungen Dubliner Ermittler Rob und Cassie verfolgen, führt sie nur tiefer in ein Dickicht, in dem sich alle Gewissheiten in ihr Gegenteil verkehren. Und keiner darf erfahren, dass Rob vor vielen Jahren selbst etwas Furchtbares erlebt hat – im Wald bei eben jener Ausgrabungsstätte…“
Kriminalroman. Ausgrabungen. Ein Fall in der Vergangenheit. Count me in. Ich war total gespannt, was mich in „Grabesgrün“ erwartet. Der Klappentext hat mich neugierig gemacht und Kriminalromane mit Fällen in zwei Zeitebenen sprechen mich total an.
Ich fand das Buch total spannend. Beide Fälle. Den aktuellen, mit einem kleinen Mädchen, das tot auf einer Ausgrabungsstätte gefunden wurde und den Fall in der Vergangenheit, in den einer der Ermittler verstrickt ist.
An den Schreibstil bzw. den Erzählstil musste ich mich erst einmal gewöhnen. Ich fand daran zunächst ungewohnt, dass der Fall aus der Sicht von Rob rückblickend erzählt wird und seine distanzierte Haltung dabei. Rob als Charakter fand ich dagegen faszinierend. Er scheint durch seine Vergangenheit gebrochen, hat ein seltsames Verhältnis zu Alkohol und Schlaf, macht seinen Job aber scheinbar gut. Seine Partnerin Cassie dagegen fand ich etwas sympathischer. Sie setzt sich in der männerdominierten Polizei recht gut durch, ist frech und flirty zugleich und versteht sich mit Rob blind. Die beiden sind ein unschlagbares Team und müssen sich gegen Gerüchte, sie könnten was miteinander haben zur Wehr setzen. Tana French baut hier geschickt ein, dass Freundschaften zwischen Männern und Frauen nicht funktionieren würden und beweist zunächst, dass dem nicht so ist. Leider folgt im Laufe der Geschichte eine Wendung, die mir dahingehend überhaupt nicht gefallen und die der Geschichte meiner Meinung nach auch einiges an Leichtigkeit genommen hat. Ich fand den Moment ungeschickt und nicht notwendig. Aber es spiegelt die allgemeine Haltung der Gesellschaft bezüglich nicht gleichgeschlechtlichen Freundschaften, bei denen beide heterosexuell sind, wider. Fand ich schade.
Auch das Ende hat mich unzufrieden zurückgelassen. Ich hatte gehofft, Robs Vergangenheit würde aufgearbeitet werden und auch zu diesem Fall würde eine Aufklärung geliefert werden. Dem war nicht so. Im Grunde hätte diese Story Line von vorneherein weggelassen werden können, allerdings hätte Rob dann ein wesentlicher Charakterzug gefehlt, der seine zum Teil seltsamen Verhaltensweisen erklärt. Da gefällt mir der Umgang von Marc Raabe mit solchen Abstechern in die Vergangenheit viel viel besser.
Nicht nur die vorhin beschriebene Wendung hat der Geschichte Leichtigkeit genommen. Auch die zum Teil langatmigen Passagen und ausufernden Beschreibungen haben die Geschichte etwas ins Stocken gebracht. Gut 100 Seiten, wenn nicht sogar mehr, hätten gestrichen werden können und die Geschichte wäre ebenso spannend geblieben. Trotzdem bin ich ziemlich gut durchgekommen und wollte immerzu wissen, wie es weitergeht, was auch irgendwie für das Buch spricht. Langweilig war es nicht, nur an einigen Stellen, vor allem am Anfang und gegen Ende, etwas zu langatmig.
Insgesamt fand ich „Grabesgrün“ spannend, habe aber schon bessere Kriminalromane gelesen. Vor allem gefallen hat mir, dass die Charaktere sehr detailliert beschrieben waren und interessante Backgroundgeschichten aufwiesen. Auch die Wendungen haben mich zu einem großen Teil abholen können. Mit der Auflösung habe ich nicht gerechnet, für mich ergibt sie jedoch Sinn, passt zur Geschichte und ist nicht das klassische Happy Ending. Da ich ein paar Kritikpunkte habe, vergebe ich 4 von 5 Sterne.
„Grabesgrün“ von Tana French erschien 2008 im Scherz Verlag (Teil von S. Fischer). Das Buch hat 668 Seiten und du kannst es unter der ISBN 978-3-502-10191-8 finden. Diese Angaben beziehen sich auf das HC, welches ich gelesen habe. Im Buchhandel findest du es als TB für 13,00€ [D] unter der ISBN 978-3-596-17542-0 (geringer Bestand, Stand Juli 2025).
Anmerkung meinerseits: das Buch ist schon etwas älter und das merkt man anhand einiger Formulierungen auch. Heute ist die Gesellschaft sensibler und ich hoffe, dass diese Formulierungen dementsprechend nicht mehr so gedruckt werden würden.