„Im Morgengrauen“

von Marc Raabe; Band 4 der Art-Mayer Reihe

Da dies der finale Band einer Reihe ist, deren Fälle zwar unabhängig von einander sind, aber doch irgendwie über die Beteiligten Personen aufeinander aufbauen, empfehle ich, die Reihe in der richtigen Reihenfolge zu lesen.

„Seit Wochen gehen im Netz die Videos einer jungen Frau viral. Ihr Gesicht ist unkenntlich, auf ihrem Unterarm ist ein markantes Eulen-Tattoo. Der Inhalt der Videos: skandalöse Details ihrer Affäre mit dem Bundeskanzler. Ein Fake? Eine Kampagne? Oder die Wahrheit?

Plötzlich verschwindet Kanzler Henrik Westphal spurlos. In der aufgeheizten Stimmung stoßen BKA-Ermittler Art Mayer und Nele Tschaikowski tief im U-Bahn-Tunnel unter dem Alexanderplatz auf eine entstellte Leiche. Ist es die junge Frau aus den Videos? Und welche Rolle spielt Juli, die Frau des Kanzlers und Arts große Jugendliebe. Als Art plötzlich selbst ins Visier gerät, eskaliert die Situation: Wem kann er noch vertrauen?

Ich liebe die Thriller von Marc Raabe, weil sie Vergangenheit und Gegenwart, Mord und Polizeiarbeit, vielschichtige Charaktere und Spannung miteinander verbinden. Mit „Im Morgengrauen“ habe ich nun den vierten Band der Art Mayer Reihe gelesen und die Reihe damit beendet.

Während ganz Deutschland sich fragt, was mit Henrik Westphal, dem Bundeskanzler geschehen ist und ob die Videos, die sich auf Social Media verbreiten und ein zweifelhaftes Licht auf den Kanzler werfen, echt sind, haben Nele und Art einen Mord aufzuklären. Eine Verbindung zum Verschwinden von Henrik Westphal ist nicht ausgeschlossen. Doch schon bald überschlagen sich die Ereignisse, Art gerät selbst ins Visier und er und Nele müssen herausfinden, was wirklich los ist.

Im Gegensatz zu den Thrillern, die ich bisher von Raabe gelesen habe, habe ich die Sprünge in die Vergangenheit etwas vermisst. Normalerweise geht es weiter zurück in die Vergangenheit. Diesmal gab es Rückblenden in die Zeit vor das Verschwinden des Kanzlers als Handlungsstrang und die aktuellen Ermittlungen nach dem Verschwinden als zweiten Handlungsstrang. Weil beide Handlungsstränge sehr spannend waren, konnte ich mich mit dieser Art Rückblick in die Vergangenheit anfreunden.

Richtig stark fand ich die Charaktere. Art und Nele habe ich sehr in mein Herz geschlossen. Obwohl Art Mayer oftmals etwas mürrisch ist, nicht viel von sich preisgibt und sein eigenes Ding macht, mag ich ihn sehr gern. Er hat einen Hang dazu, sich in Schwierigkeit zu bringen und die richtigen Fragen, teilweise auch zum falschen Zeitpunkt zu stellen, sodass mir mit ihm nie langweilig wurde. Nele hat es als Frau im männerdominierten Polizeiberuf nicht leicht. Hinzukommt, dass ihr Onkel eine hohe Position hat und ihr eigener Verdienst deswegen oft nicht in dem Maße anerkannt wird, wie es sein sollte. Auch zu Hause ist es für sie nicht leicht, da ihr Partner und der Vater ihres Kindes ihre Einstellung zu Arbeit, Mutterrolle und Selbstbestimmung nicht sehr gerne sieht. Für sie sollte sie mehr zu Hause sein und sich um Kind und Haushalt zu kümmern. Ich mag ihre selbstbewusste, durchsetzungsfähige, bestimmte Art. Außerdem gefällt mir die Dynamik zwischen Art Mayer und Nele Tschaikowski. Sie sind für einander da, geben dem jeweils anderen auch mal einen Schubs in die richtige Richtung und können sich aufeinander verlassen.

Spannend, aufregend und überraschend. So würde ich die Handlung beschreiben. Ich habe Hypothesen aufgestellt, sie wieder verworfen, Fragen gehabt, mit gefiebert, mit gerätselt und die Auflösung herbeigesehnt. Ich konnte mich in die Geschichte fallen lassen, alles um mich herum für einen Moment vergessen und mit Art und Nele am Fall ermitteln. Die Handlungsstränge haben sich schön ergänzt und ich mochte die Dynamik und das Tempo der Geschichte. Ich hatte nie das Gefühl, dass es langatmig wurde. Es gab Wendungen, die mich vollkommen überrascht haben, aber auch Wendungen, mit denen ich gerechnet habe, die dann aber doch eine ganz andere Richtung einschlugen als erwartet.

Ich liebe außerdem den Schreibstil von Marc Raabe, weil ich von diesem nicht nur durch die Seiten getragen werde, sondern auch das Gefühl habe, dass die Charaktere vor meinem inneren Auge zum Leben erwecken. Ich mag außerdem, wie er reale politische Ereignisse einbindet, Vergangenheit und Gegenwart verknüpft und Charaktere erschafft, die vielschichtig sind und bei denen bis zum Ende für mich nicht deutlich ist, in welche Richtung sie sich entwickeln. Auch der Bezug der Bände untereinander ist spannend.

Insgesamt eine große Leseempfehlung und ein Buch, das mir erneut sehr viel Lesefreude bereitet hat. Ich vergebe 5 von 5 Sterne.

„Im Morgengrauen“ von Marc Raabe erschien 2026 im Ullstein Verlag. Das Buch hat 575 Seiten, kostet 17,99€ und du kannst es unter der ISBN 978-3-86493-365-3 finden.

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